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HORIZONTAL

2011

Eija-Liisa Ahtila
*1959 in Finnland

Horizontal ist eine sechskanalige Bewegtbildarbeit einer lebenden Fichte. Die Idee des Werkes ist es, den Baum in seiner Gesamtheit, so weit wie möglich in seiner natürlichen Größe und Form, zu zeigen. Da ein Baum in Lebensgröße nicht in einen menschlichen Raum in Standardgröße passt, wird der Baum in Form von aufeinanderfolgenden projizierten Bildern horizontal präsentiert. Das Werk ist ein Porträt des Baumes. Es ist eine Aufzeichnung von seiner Existenz als lebender Organismus oder vielleicht eher eine Darstellung der Schwierigkeit der Wahrnehmung und Aufzeichnung einer Fichte mit den von Menschen erfundenen Methoden der visuellen Dokumentation.

Jeder Versuch, eine ausgewachsene Fichte oder einen anderen hohen Baum mit Hilfe eines beweglichen Bildes zu zeigen, wird zwangsläufig auf Schwierigkeiten stoßen. Das horizontale Filmbild kann nicht den gesamten Baum in einem Bild zeigen. Wenn man ein Weitwinkelobjektiv verwendet, erscheint der Baum verzerrt und ist immer noch zu groß in einem Bild. Wenn Sie zurücktreten, um den gesamten Baum innerhalb des Rahmens erscheinen zu lassen, wird das Bild nicht mehr das Porträt eines Baumes, sondern eine Landschaft, in der der Baum nur ein Element ist. Wenn das Thema eines Werkes eine Fichte ist, unterscheidet sich die Situation zwangsläufig von gewöhnlichen Filmaufnahmen. Dies geschieht sowohl in Bezug auf die Mechanik und den Zweck des Filmens als auch in Bezug auf die Rolle des Subjekts und seiner Beziehung zu seiner dargestellten Umgebung. Der Versuch eine Fichte zu portraitieren, stellt die Fichte der technischen Apparatur gegenüber, die als Erweiterung des menschlichen Auges und der Wahrnehmung dient. Sie lädt uns auch dazu ein, die Voraussetzungen für anthropozentrische Dramaturgie und die Wertschätzung, die sie in Bildern und in der Reihenfolge der Darstellung hervorruft, zu reflektieren.

Wir filmten eine Fichte an einem windigen Tag Anfang Oktober. Die Vorbereitungen dauerten viel länger als wir erwartet hatten. Obwohl wir beschlossen hatten, den Baum in Teilen zu filmen, um Verzerrungen zu vermeiden. Einen Baum in angemessener Größe zu finden war bei der Menge der visuellen Informationen schwierig. Das Verhältnis der Breite zur Höhe des Baumes war wichtig, um es uns zu ermöglichen, ihn mit fünf Projektoren zu präsentieren. Zweitens musste der Hintergrund "leer" sein, um den Baum und seine Form hervorzuheben. Der Baum musste auch an einem Ort wachsen, wo wir ein Gerüst aufstellen oder eine Scherenhebebühne benutzen konnten. Wir diskutierten, welche Art von Kamera und Linse wir verwenden sollten, und wie viele davon benötigt würden. Wir wussten aus Erfahrung, dass die Verwendung von mehreren Kameras auch den Horizont und den sichtbaren Hintergrund vervielfachen würden.
Wir erwogen unterschiedliche Lösungen, sowohl für das Shooting als auch für die Postproduktion. Es wurde bald deutlich, dass je mehr wir versuchten, umso mehr das sahen, was neben dem Baum stand. Je mehr wir das was wir sahen mit unseren Vorstellungen von der Porträt-Eigenschaft des Baumes kombinierten, desto mehr würde sich das endgültige Werk mit den Geräten und der Technik der Kinematographie befassen und uns Menschen als Beobachter dastehen lassen. Die Fichte brachte uns zu von Uexkülls Ideen von der Koexistenz getrennter räumlicher und zeitlicher Welten verschiedener Lebewesen, sowie der Idee der Existenz von etwas neben etwas und mit etwas anderem.

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