lichtsicht 7 eröffnet

18.00 Uhr – Ankunft in Bad Rothenfelde, Nordseite des Neuen Gradierwerkes: Nach einem Regentag öffnen sich die Wolkenschichten und die durchbrechende Sonne verbreitet ein apokalyptisches Licht über dem Kurort, der sich für die große Eröffnung der lichtsicht 7 Projektions-Triennale gerüstet hat

28.10.2020

Ein Erlebnisbericht von Dr. Sabine Weichel-Kickert

Die Eröffnungszeremonie im neuen Format

18.00 Uhr – Ankunft in Bad Rothenfelde, Nordseite des Neuen Gradierwerkes: Nach einem Regentag öffnen sich die Wolkenschichten und die durchbrechende Sonne verbreitet ein apokalyptisches Licht über dem Kurort, der sich für die große Eröffnung der lichtsicht 7 Projektions-Triennale gerüstet hat.

19.30 Uhr – Es ist schon dunkel, aber die cyanblauen Lichtstreifen entlang der Projektoren beleuchten die Szenerie. Sie korrespondieren mit dem Laserstrahl, der vom Kurmittelhaus aus seine Lichtbotschaft in den Abendhimmel sendet und den Menschen den Weg zur lichtsicht 7 zeigt. Auf der gesamten Länge des Gradierwerkes weht jetzt ein virtueller blauer Bühnenvorhang, der das Ereignis, untermalt von Varietémusik, ankündigt. Überall sind Menschen unterwegs, Familien mit Kindern, ältere Menschen mit Gehhilfen, junge Leute – alle ganz diszipliniert mit Mundschutz, wie es die neueste Auflage des Sicherheitskonzeptes verlangt. Das Team des NDR Fernsehens hat sich auf der Wiese aufgebaut und wartet auf eine Liveschaltung, die den Bürgermeister, Klaus Rehkämper, zur besten Sendezeit für die Zuschauer Zuhause, zu Wort kommen lassen soll.

20.00 Uhr – der Countdown hat begonnen, die Uhr läuft rückwärts, immer mehr Menschen versammeln sich auf der Wiese vor der virtuellen Bühne, die Musik schwillt dramatisch an, bis sich um 20.30 Uhr der Vorhang öffnet. In einem fulminanten filmischen Rückblick wird in 4:40 Minuten die Geschichte der lichtsicht von ihrem Beginn 2007 bis heute in einer temporeichen Text-Bild-Collage vermittelt. Sie endet mit dem Satz: „Das Experiment geht heute weiter.“ Dies ist ein erster emotionaler Höhepunkt der Vernissage, der vom Publikum mit großem Beifall belohnt wird. Christian Meyer, der technische Leiter, von Anfang an dabei, hat diesen gelungenen filmischen Auftakt aus dem Archivmaterial zusammengeschnitten.

Gleich darauf kommen die drei Redner zu Wort: Bürgermeister Klaus Rehkämper, der von den Abenteuern der Neufinanzierung berichtet, die Landrätin Anna Kebschull, die uns Kunst und damit auch die lichsicht, als unverzichtbares Lebensmittel suggeriert, sowie der künstlerische Leiter und Kurator Prof. Michael Bielicky, der alle mit den Worten begrüßt: „Willkommen im Paradies“. Die Idee auf eine echte Bühne zu verzichten, und das Eröffnungszeremoniell dem Format der lichtsicht anzupassen, also virtuell auf der Projektionsfläche des Gradierwerkes stattfinden zu lassen, hat sich als richtig erwiesen.

21.00 Uhr – Der Bürgermeister, Klaus Rehkämper zählt von 10 auf 0 herunter, das Publikum zählt mit, die lichtsicht 7 ist eröffnet, alle Videos laufen.

Der Rundgang
Refik Anadol, ein gefragter Künstler, der auch für die NASA arbeitet, visualisiert Luftströme, die am Flughafen Istanbul „Bosphorus“ gemessen wurden, und verwandelt die über 400 m lange Gradierwand (250 m Projektionsfläche) auf der Nordseite in ein türkisfarbenes, schäumendes Wolkenmeer, untermalt von einem sphärischen Klangteppich.

Zwei weitere Arbeiten von Künstlern mit Weltniveau werden auf dieser gigantischen Wand präsentiert, die man sich für einen zweiten Rundgang vormerken sollte: Dongling Wang, der chinesische Großmeister zeitgenössischer Kalligrafie, zeichnet jahrtausendealte Dichtkunst auf die Gradierwände. Eine Weltprämiere der kontemplativen Art. Und der australische Pionier der Medienkunst, Jeffrey Shaw mit einer aktuellen Überarbeitung von Sarah Kenderdine, lässt in einem endlos scheinenden Algorithmus, Menschengruppen wie Puppen in immer neuen Konstellationen fallen und wieder aufstehen. Der Titel der Installation, „Fall Again, Fall Better“ bezieht sich auf Samuel Becketts Zitat: "Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.

An Ende der Wand, die Windmühle rechts oben noch im Blick, bewegt man sich auf die Wasserfontänen zu. Dort steht bereits eine Menschenmenge, um Social Distancing bemüht, und bestaunt die dreidimensionalen kinetischen Formenspiele von Max Hattler. Weil das so faszinierend ist, verweilt man gern noch etwas und genießt auch die darauffolgende Arbeit von Lydia Hoske, die regenbogenbunte Seifenblasen zu atmosphärischen Klängen auf dem Wasserschild blubbern lässt. Damit verlässt man die ver uberte Welt der harmlosen fröhlichen Sinneserfahrungen und begibt sich in brisantere Welten.

Das bereits im Vorfeld kontrovers diskutierte Meisterwerk von Lu Yang, „Delusional Crime and Punishment“, welches 2015 in Venedig auf der Biennale gezeigt wurde, spaltet die Gemüter. Die einen empfinden das comicartige, 15-minütige Video als eine Bedrohung, vor der Besucher gewarnt werden müssen, die anderen als eine „ermüdende Wiederholung“ von Höllenqualen, die der geschlechtslose Avatar der Künstlerin von seiner seriellen biotechnischen Erschaffung bis hin zu Bestrafungsritualen im Jenseits erleiden muss. Gerade diese Kontroverse macht jedoch die Qualität der künstlerisch brillant konzipierten und technisch versiert umgesetzten philosophischen Reflexion einer christlich konnotierten Weltsicht aus.

Nach dieser intellektuellen Herausforderung verspricht der Rosengarten ein wenig Erholung, in dem man bei dem milden Wetter auf einer Bank Platz nehmen kann, um sich auf die in Cannes preisgekrönte Arbeit „Grand Bouquet“ der Japanerin Nao Yoshigai einzusehen. Man fühlt sich zunächst an Memento Mori und Vanitas Darstellungen erinnert, wenn aus dem überbordenden Blumenbouquets, aus dem Mund der Künstlerin selbst hervorgewürgt, langsam wieder Wurzeln schlagen und schließlich Humus entsteht. Auf der Metaebene jedoch schwingt eine tiefere Botschaft zur „Me Too“ Bewegung und der unterdrückenden Auswirkung patriarchaler Strukturen mit.

Am Ende bzw. Anfang der südlichen Gradierwand erwartet den Besucher ein 67-minütiges Monumentalwerk von Julius von Bismarck. Als ehemaliger Meisterschüler von Olafur Eliason beschäftigt er sich mit Natur- und Wetterphänomenen. Für seine, jüngst in der Bundeskunsthalle Bonn, präsentierte Arbeit, „Feuer mit Feuer“, filmte er die verheerenden Waldbrände in Kalifornien. Diese Naturkatastrophe birgt jedoch eine fast romantisch verklärte Schönheit, die durch die extrem verlangsamten und kaleidoskopisch gespiegelten Bilder an die sogenannte „Tintenklecksbilder“ des Schweizer Psychoanalytikers Herman Rorschach erinnert. Von Bismarck verweist mit seiner Arbeit auf die Beherrschung und Nutzung von Feuer, als eine der ältesten Kulturtechniken unserer Zivilisation, und damit auf die Wechselwirkung zwischen Gefahr und Schönheit, Zerstörung und Neuanfang. Auf den, von Solewasser plätschernden, kristallinen Projektionsflächen des Gradierwerks entwickelt die Arbeit im Kontrast mit den spektakulären Feuerbildern irritierende neue Reize.

Zur körperlichen Ertüchtigung sollte man sich jetzt der datengesteuerten Installation „Eternal Dream“ von Simon Weckert und Phillip Weiser an der Stirnseite des Neuen Gradierwerkes zuwenden. Ein Sprung in die Luft im vorgegeben Quadranten verhilft zu einem Flug über die tiefblaue Wand in die Cloud. Mit einer Nummer versehen, kann man seinen ewigen Flug auf der Website eternal-dream.digital im Netz weiterverfolgen. Scheinbar harmlos nimmt diese Arbeit hochaktuelle Diskurse um die Verwertung der Daten im Netz auf.

Wer jetzt noch die Energie aufbringt, sich zwei wesentliche Statements der diesjährigen lichtsicht zu betrachten, begebe sich zum Alten Gradierwerk. Natalie Bookchins hochaktuelle Videocollage von Demonstranten zur Black Lives Matter Bewegung zeigen den Widerstand gegen die systemische Gewalt gegen schwarze Amerikaner. The act of changing something's position wird exklusiv und zum ersten Mal während der Eröffnung der Triennale in Bad Rothenfelde gezeigt.

Auf der Parkseite des Alten Gradierwerkes schließlich erwartet den Besucher ein zutiefst naturverbundenes hochaktuelles Statement zum aktuellen Fichtensterben in unseren Wäldern. Das Porträt einer querschwebenden sich im Wind wiegenden Fichte, der finnischen Künstlerin Eija-Liisa Ahthila, vertreten durch die legendäre Marian Goodman Gallery New York. Mit diesem monumentalen Porträt von 80 Metern Länge und 12 Metern Höhe wird dieser Gattung ein eindrückliches Denkmal gesetzt.

Fazit
Entgegen allen Behauptungen stellt sich mir die lichtsicht 7 durchaus nicht als konzeptlos dar. Die virulenten Themen unserer Zeit, wie die Bedrohung der Natur, die Unterdrückung von Minderheiten in unserer Gesellschaft, die Datensicherheit im Internet, sind von internationaler Tragweite und Bedeutung. Dazwischen gibt es auch Spielräume für künstlerische Experimente und neue ästhetische Erfahrungen.

In der Tat ist es ein kulturelles Großereignis, das seine Besucher nicht nur mit überwältigenden Bildern beeindruckt. In dem Moment, in dem man sich selbst in Bewegung setzt und auf die visuellen, olfaktorischen und performativen Eindrücke und Möglichkeiten einlässt, wird man Teil eines Gesamtkunstwerkes.

Das ist eine großartige, beglückende Erfahrung, die wir mit der Welt teilen wollen.

v.l.n.r.: Desirée Kabis (HfG Karlsruhe), n.n., Kira Ellen Adams, (HfG Karlsruhe), Tim Roßberg (Projektleiter), Claudia Klotzbach (2. Stv. Bürgermeisterin), Klaus Rehkämper (Bürgermeister), Michael Bielicky (Kurator), Christian Meyer (Technischer Leiter), Sabine Weichel-Kickert (Pressebeauftragte)

Alle Fotos: Angela von Brill